26. Oktober 2026

Verdeckter Narzissmus beim Mann: Liebe oder nur nützlich?

Verdeckter Narzissmus beim Mann: Frau sitzt nachdenklich auf dem Sofa, während ihr Partner abgewandt auf sein Handy schaut

Du hast jahrelang alles gegeben, und plötzlich stehst du am Rand, während andere den Applaus bekommen. Genau so klingt die Sprachnachricht, die Susanne uns ans anonyme Telefon geschickt hat.

Susanne war drei Jahre verwitwet, als sie mit einer Freundin in einen Chor wollte. In den Chor passte sie nicht, aber er hörte ihre Stimme und war begeistert. Danach sangen die beiden bei ihm zu Hause, er spielte Klavier, kochte für sie und war einfach nett.

Fünf Jahre ist das her. In dieser Zeit ist er aufgestiegen, nach Susannes Worten auch durch sie. Er hat immer mehr Projekte, tritt als Hauptsänger auf und lernt dabei viele Menschen kennen, in der Kirche, im Altenheim, bei Konzerten.

Und da beginnt ihr Schmerz. Eine Frau läuft ihm regelrecht hinterher, eine zweite ebenso. Neulich rief er Susanne an und schwärmte, wie toll der Abend mit einer von ihnen war und dass er für sie gesungen hat. Kurz danach motzte er Susanne an, ohne dass sie wusste, warum.

Susanne beschreibt ihn als Genie, 59 Jahre alt, mit Minderwertigkeitskomplexen. Sie glaubt, dass ihm die viele weibliche Aufmerksamkeit deshalb so guttut.

Über sich selbst sagt sie: „Ich bin immer die Starke. Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich habe mittlerweile Bauchschmerzen, weil ich mir alles reinfresse.“

Eine konkrete Frage stellt sie nicht. Frederik und ich haben ihre Nachricht deshalb zuerst gemeinsam sortiert, und genau das machen wir jetzt auch mit dir.

„Was sind wir eigentlich?“ Warum Unklarheit dir auf den Magen schlägt

Sind Susanne und er ein Paar? Ehrlich gesagt wussten Frederik und ich das nach ihrer Nachricht nicht genau, und ich vermute, Susanne weiß es auch nicht.

Diese Frage betrifft nicht nur sie. Habt ihr jemals ausgesprochen, was ihr seid? Ein Paar, gute Freunde, Freunde mit gewissen Vorzügen? Oder hängt ihr in diesem typischen Satz fest: „Ich weiß gerade nicht, wo wir stehen, aber das, was wir haben, gefällt mir“?

Wenn dieser Zustand für dich in Ordnung ist, ist er in Ordnung. Ist er es nicht, dann sag das auch. Deine Grenzen und Bedürfnisse gehören auf den Tisch, weil du sein Verhalten erst dann richtig einordnen kannst.

Stell dir zwei Varianten vor. In der ersten hat er dir gesagt: „Du bist mein sicherer Hafen. Mit den anderen treffe ich mich, um zu singen, mehr ist da nicht.“ Dann sind die Abende mit anderen Frauen meistens kein Problem.

In der zweiten Variante wurde nie darüber gesprochen, und es schlägt dir auf den Magen. Dann ist irgendein Bedürfnis von dir nicht erfüllt, und die Unklarheit selbst ist ein Teil deines Problems.

Frederik hat dazu eine Frage gestellt, die unbequem ist und trotzdem wichtig: Warum triggert dich das? Wenn er gerne singt, ist es sein Hobby und nicht automatisch ein Versuch, andere Frauen zu beeindrucken. Jeder Mensch braucht auf irgendeine Art Aufmerksamkeit, und das ist okay. Was du von einem Partner erwarten darfst und was nicht, liest du in diesem Artikel: Erwartungen in einer Beziehung: Warum du nicht zu viel bist.

Verdeckter Narzissmus in Beziehungen: Liebe als Tauschgeschäft

Der deutlichste Hinweis auf narzisstische Muster ist oft nicht Arroganz. Viel aussagekräftiger ist die Frage, wofür du geliebt wirst.

Ich werfe ungern mit Etiketten um mich, schon gar nicht nach einer einzigen Sprachnachricht. Aus dem, was Susanne erzählt, höre ich trotzdem Anzeichen heraus, die zu verdeckten narzisstischen Mustern passen. Genauso gut steckt eine andere schwierige Persönlichkeit dahinter. Für das Verhalten braucht es auch kein Label.

Verdeckter Narzissmus beim Mann ist leiser als die laute, großspurige Form. Hinter der Fassade steckt oft genau das, was Susanne beschreibt: ein starkes Minderwertigkeitsgefühl, das durch Bewunderung gestillt werden muss. Solche Menschen sammeln Aufmerksamkeit und lassen andere fallen wie eine heiße Kartoffel, sobald sie nicht mehr gebraucht werden.

Der Kern dahinter: Narzisstische Liebe ist immer transaktional. Ein Beispiel zum Vergleich: Ich habe Frederik von Herzen lieb, und er muss dafür nichts tun. Wir kennen uns seit Ewigkeiten, hatten jahrzehntelang keinen Kontakt, und als wir uns wiedersahen, war es, als hätten wir uns jede Woche getroffen. Da steckt keine Gegenleistung drin, da sind Respekt, Liebe und Wertschätzung.

Bei narzisstischen Persönlichkeiten läuft es anders. Du musst eine Aufgabe erfüllen, du musst nützlich sein. Bist du es nicht mehr, wirst du fallen gelassen.

Susanne sagt selbst: „Ich habe alles für ihn gemacht, und er ist durch mich aufgestiegen.“ Jetzt hat er sein Publikum, und sie bekommt schlechte Laune ab. Ob er sich wirklich zum Schlechten verändert hat oder ob Susanne Dinge persönlich nimmt, die nicht persönlich gemeint sind, können wir von außen nicht beurteilen. Welche weiteren Anzeichen typisch sind, findest du hier: Verdeckter Narzissmus: 9 Anzeichen, die fast niemand erkennt.

Gibst du aus Fülle oder aus Mangel? Die unbequeme People-Pleaser-Frage

Was, wenn der Schmerz gar nicht von den anderen Frauen kommt? Frederik hatte dazu einen Gedanken, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht.

Susanne hat viel investiert. Jetzt hat er etwas erreicht, zieht sich zurück und scheint sie nicht mehr zu brauchen. Dann tut etwas anderes weh als die anderen Frauen: Sie hat gegeben und bekommt keinen Gewinn zurück.

Dann lohnt sich der ehrliche Blick auf dich selbst. Warum stört dich das? In jemanden zu investieren, weil du es gut mit ihm meinst, ist etwas anderes als zu investieren, weil du eine Gegenleistung erwartest.

Das betrifft sehr viele Frauen mit einem People-Pleaser-Muster in der Beziehung. People Pleaser geben einerseits, um Konflikte zu vermeiden. Andererseits geben sie oft, weil sie sich etwas davon erhoffen: Liebe, Sicherheit, einen festen Platz.

Hätte Susanne aus reiner Fülle gegeben, sähe die Geschichte anders aus. Sie hat die Zeit genossen, sie hatte viel zu geben, und er hat etwas daraus gemacht. Darauf kann sie sogar stolz sein, sie hat einen Menschen mit aufgebaut.

Wenn es sie dagegen so tief trifft, ist das Geben wahrscheinlich aus einem Mangel heraus passiert. Das muss gar kein bewusster Hintergedanke gewesen sein. Ein unerfülltes Bedürfnis reicht schon.

Das gilt für fast alle Bedürfnisse, sogar für sexuelle Wünsche. Was du aus dem Mangel heraus forderst, bekommst du selten erfüllt. Kommt es aus der Fülle, nach dem Motto „Wenn du es mir erfüllst, ist es schön, wenn nicht, ist es auch okay“, sind andere viel eher bereit dazu. Vor allem geht es dir selbst damit besser.

Gibst du ihm auch dann noch so viel, wenn du weißt, dass nichts zurückkommt? Warum „Ich tu alles für dich“ allein keine Beziehung trägt, zeigt auch dieser Artikel: Verhalten von Alkoholikern in Beziehungen.

Der Satz, der Klarheit schafft: „Ich bin verwirrt“

Für das Gespräch mit ihm brauchst du als Einstieg genau drei Worte: Ich bin verwirrt.

Dieser Satz greift ihn nicht an. Er sagt nicht „Du bist blöd“, er beschreibt nur, wie es dir geht. Und weil er so wenig konfrontativ ist, antwortet dein Gegenüber meistens viel offener.

Liebe Susanne, so kannst du es fast wörtlich übernehmen: „Ich bin verwirrt. Ich habe uns so und so gesehen, und die viele Zeit, die du mit diesen Frauen verbringst, verwirrt mich. Ich möchte wissen, wo wir stehen und was wir sind, damit ich das einordnen kann.“

Vergleich das mal mit „Du bist untreu“ oder „Du wertschätzt mich nicht“. Bei solchen Sätzen geht jeder in die Verteidigung, und über das eigentliche Thema redet ihr gar nicht mehr.

Dahinter steckt ein Problem, das ich aus meinem eigenen Leben gut kenne. Ich habe meinen Partnerinnen oft Dinge gesagt, die ganz anders angekommen sind, als ich sie gemeint habe. Wir sagen A, meinen A, und beim anderen kommen B, C und D an. Aus einer harmlosen Sache wird ein Streit, weil so viele Trigger mitschwingen.

Das gilt übrigens auch für Fragen an uns. Ich habe das Gefühl, dass Susanne sich von uns etwas anderes erhofft hat, als wir ihr geben konnten. Wir können nur mit dem arbeiten, was wir bekommen, genau wie die Menschen in deinem Umfeld. Und was sie bekommen, ist nicht immer das, was du abschickst.

Deshalb hilft es, konkret zu werden: Was ist mein Wunsch? Was genau ist die Herausforderung? Was ist das Schlimmste daran?

Wenn der Bauch Alarm schlägt: Warum du das nicht aushalten solltest

Bauchschmerzen sind keine Nebensache. Sie sind dein Körper, der dir sagt, was dein Kopf noch nicht wahrhaben will.

Wenn eine Situation körperlich wird, ist es fast immer mehr als ein bisschen Stress. Dann ist dein ganzes System in Aufruhr. Nimm das nicht auf die leichte Schulter.

Denk an dein Auto. Wenn eine Warnleuchte angeht, fährst du nicht zwei Wochen weiter, als wäre nichts. Du schaust nach, was die Leuchte bedeutet und welche Folgen drohen, und bringst das Auto zur Kontrolle in die Werkstatt.

Mit dir selbst darfst du genauso umgehen. Das heißt zum Beispiel, etwas für dein Nervensystem zu tun, die Situation aufzuarbeiten und dir anzuschauen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Alles hat harmlos angefangen, mit Liedern und Klavier, und schlägt in dir jetzt so hohe Wellen. Warum reines Verstehen dabei nicht reicht, erkläre ich hier: Gedankenkarussell stoppen: Warum Verstehen allein nicht reicht.

Kennst du den Gedanken: „Wenn ich das anspreche, mache ich alles schlimmer. Ich muss das irgendwie aushalten.“ Du musst das NICHT aushalten. Wer alles schluckt, richtet sich nur noch danach, dass der andere sein Ding machen kann, und macht den Rest mit sich selbst aus.

Das ist der berühmte Anfang vom Ende, weil du dich dabei selbst verlierst. Dann bleibt es nicht bei Bauchschmerzen. Es kommen Themen mit Selbstwert und Selbstrespekt dazu, und am Ende wird daraus eine Prägung oder sogar ein Trauma.

Es ist keine einfache Situation. Gleichzeitig hast du sie selbst in der Hand.

Verdeckter Narzissmus beim Mann: häufige Fragen

Woran erkenne ich verdeckten Narzissmus beim Mann?
Verdeckte Narzissten wirken nicht großspurig, sondern eher sensibel, gekränkt oder unsicher. Typisch ist ein starker Hunger nach Bewunderung, hinter dem ein Minderwertigkeitsgefühl steckt. Ein einzelnes Merkmal macht aber noch keinen Narzissten.

Wie verhält sich ein verdeckter Narzisst in der Beziehung?
Am Anfang ist er oft aufmerksam und charmant, kocht, hört zu, fühlt sich besonders an. Später zieht er sich zurück, wird gereizt oder kalt, sobald du etwas brauchst, während andere seine beste Seite sehen.

Liebt er mich, oder bin ich nur nützlich?
Achte darauf, was passiert, wenn du weniger gibst oder selbst etwas brauchst. Liebe bleibt auch dann. Eine Beziehung, die auf Nützlichkeit beruht, kühlt genau in diesem Moment ab.

Ist er ein Narzisst oder einfach nur unsicher?
Von außen lässt sich das nicht sicher sagen, und viele unsichere Menschen brauchen viel Aufmerksamkeit. Entscheidend ist, wie er dich behandelt, wenn du ihm gerade nichts bringst.

Soll ich ihn auf die anderen Frauen ansprechen?
Ja, aber ohne Vorwurf. Starte mit „Ich bin verwirrt“, beschreib, was du siehst, und frag ihn, wo ihr steht und was ihr seid.

Fazit

Ob verdeckter Narzissmus beim Mann dahintersteckt, lässt sich aus einer Sprachnachricht nicht beantworten. Klar ist: Narzisstische Liebe ist ein Tauschgeschäft, und wer nur geliebt wird, solange er nützlich ist, wird irgendwann fallen gelassen. Genauso wichtig ist der Blick auf dich selbst. Gibst du aus Fülle oder aus Mangel, und weißt du überhaupt, was ihr seid?

Fang mit Klarheit an. Ein ruhiges „Ich bin verwirrt“ öffnet mehr Türen als jeder Vorwurf. Und wenn dein Körper schon Alarm schlägt, nimm diese Warnleuchte ernst. Die ganze Folge mit Susannes Sprachnachricht hörst du im Video oben.

Steckst du gerade selbst in so einer Situation und weißt nicht, wie du da rauskommst? Dann buch dir ein Erstgespräch mit uns. Wir schauen gemeinsam, was bei dir los ist und was du jetzt brauchst.

Hast du eine Frage, die du sonst niemandem stellst? Dann sprich sie beim anonymen Telefon auf. Ich höre sie zum ersten Mal in der Aufnahme und antworte direkt, dein echter Name bleibt draußen. Je konkreter deine Frage ist, desto besser können wir dir helfen: doktorhermes.de/anonym

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Dr. Jens Hermes
Über den Autor
Dr. Jens Hermes
Er begleitet seit 2011 Menschen dabei, eine Trennung zu verarbeiten und aus emotionaler Abhängigkeit herauszufinden. Über 800 Klientinnen und Klienten hat er in dieser Zeit persönlich betreut, und aus dieser Praxis stammt jedes Muster, das er hier beschreibt. Er ist Gründer des Dr. Hermes Instituts, Host des Dr. Hermes Podcasts und erreicht auf Instagram über 100.000 Menschen. Privat ist er verheiratet und Vater.
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Gleichzeitig bringt Anja jahrzehntelange Erfahrung auf Weltklasseniveau im Tanzsport mit: Sie war Weltranglistengewinnerin, Finalistin bei Welt- und Europameisterschaften, betreut heute den Nationalkader und gehört zu den Top 5 international am höchsten lizensierten Trainerinnen und Ausbilderinnen.

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