Die USA gelten als Heimat des Narzissmus. Die Daten sagen etwas anderes.
Bill Chopik ist Professor für Psychologie an der Michigan State University und erforscht, wie sich Menschen in Beziehungen über die Zeit verändern. Für seine Studie im Fachjournal Self and Identity hat sein Team Daten aus 53 Ländern ausgewertet. Deutschland landet im Gesamtwert auf Platz 1. Dahinter folgen Irak, China, Nepal und Südkorea.
Ich habe Bill dazu in meinem Podcast befragt, und seine erste Antwort war ehrlich: Warum ein Land so ist, wie es ist, lässt sich kaum sauber erklären. Ein Faktor zeigt sich trotzdem deutlich. Wohlhabendere Länder liegen bei beiden Formen von Narzissmus höher. Deutschland ist dabei ein Ausreißer nach oben, steht aber nicht allein da.
Zwei Einschränkungen gehören dazu, sonst wird aus der Zahl ein Klischee. Gemessen wurden narzisstische Züge in der Normalbevölkerung, keine diagnostizierten Persönlichkeitsstörungen. Innerhalb jedes Landes ist die Streuung riesig, und in Deutschland leben genauso viele bescheidene Menschen, die andere nicht kleinmachen. Chopiks Fazit dazu ist unbequem und beruhigend zugleich: Narzissten gibt es überall.
Warum wirkt derselbe Mensch anfangs großzügig und nach Monaten plötzlich eiskalt? Weil grandioser Narzissmus zwei getrennte Motoren hat.
Der eine heißt Bewunderung. Hier geht es um Selbsterhöhung: gesehen werden, respektiert werden, im Mittelpunkt stehen. Der andere heißt Rivalität. Dort geht es um Abwertung: andere kleiner machen, damit man selbst größer dasteht.
Im Podcast habe ich Bill ein Bild vorgeschlagen, das er sofort übernommen hat. Bewunderung baut das höchste Haus im Dorf. Rivalität trägt den Nachbarhäusern Steine ab, bis das eigene Haus das höchste ist. Beides sieht von außen nach Erfolg aus, aber nur eines davon richtet Schaden an.
Genau da wird das deutsche Ergebnis unangenehm. Bei der Bewunderungs-Skala führt Nigeria die Liste an, Deutschland liegt dort nicht vorne. In der Rivalität steht Deutschland auf Platz 1, gefolgt von Südkorea, Nepal, Irak und Rumänien. Deutschland ist also nicht Weltmeister im Glänzen, sondern im Abwerten.
Rivalität hängt außerdem mit emotionaler Instabilität zusammen. Das ist der Anteil, den die Forschung früher vulnerablen oder hypersensiblen Narzissmus genannt hat. Wer angreift, tut das oft aus Angst um den eigenen Status, nicht aus Stärke. Mehr zu dieser leiseren Variante findest du in meinem Artikel über verdeckte Narzissten und woran du sie trotz Tarnung erkennst.
Es gibt einen einzigen Satz, an dem du Rivalität sofort festmachst.
In den Fragebögen der Narzissmus-Forschung steht die Aussage: „Ich will, dass meine Rivalen scheitern.“ Die meisten Menschen lesen das und finden es absurd. Wer hoch in Rivalität liegt, liest denselben Satz und denkt: Klar, wie sonst?
Im Alltag klingt das harmloser und ist trotzdem eindeutig:
Wettbewerb allein ist kein Warnsignal. Chopik zieht die Grenze dort, wo etwas kaputtgeht: Streit auf der Arbeit, verlorene Freundschaften, eine Beziehung, die unter dem Muster leidet. Solange zwei Kollegen sich sportlich messen, ist das gesund. Sobald jemand sich am Sturz anderer erfreut, ist es das nicht mehr.
Eine Beobachtung ist für dich besonders wichtig. Rivalität zeigt sich zuerst an Dritten, nicht an dir. Viele Klientinnen beschreiben genau das: Er war lange nett zu mir, aber er hat über andere geredet, als wären sie Gegner. Wenn du diese Signale früh sortieren willst, hilft dir mein Überblick, woran du Narzissten schon in der Kennenlernphase erkennst.
„Wieso merke ich erst, wenn es zu spät ist, dass ich mit einem Narzissten zu tun habe?“ Diese Frage höre ich häufiger als jede andere.
Die Antwort steckt in der Bewunderungs-Seite. Menschen mit hoher Bewunderungs-Ausprägung schneiden in kurzen Begegnungen hervorragend ab. Fünf Minuten Small Talk, ein erstes Date, ein Vorstellungsgespräch: dort wirken sie positiv, energiegeladen, charmant. Genau deshalb funktioniert der Anfang so gut.
Bill nennt das die Schokoladenkuchen-Theorie des Narzissmus. Das erste Stück schmeckt großartig. Nach dem vierten wird dir schlecht. Am Kuchen hat sich nichts verändert, nur an der Menge.
Dann kriecht die Rivalität dazu. Die ersten Wochen sind großartig, und irgendwann merkst du, dass sein Statusstreben mehr Raum einnimmt als du. Kritik wird zum Angriff, weil sie ihn vom Sockel holt.
Es gibt ein tieferes Problem, und das erklärt, warum sich viele dieser Beziehungen innerlich leer anfühlen. Nähe entsteht über Verletzlichkeit. Wer permanent Bewunderung braucht, zeigt die unangenehmen Seiten nicht. Ihr seid also jahrelang zusammen, ohne dass eine echte Bindung entsteht.
Narzissten halten sich nicht für unschuldig. Sie wissen ziemlich genau, wie sie auf andere wirken.
Die Psychologin Erika Carlson von der University of Toronto hat das untersucht: Wissen Narzissten, dass sie narzisstisch sind? Die Antwort war ja. Sie wissen, dass sie anfangs charmant wirken und dass das Bild danach kippt. Es interessiert sie nur nicht.
Ein Kollege von Bill bringt es auf den Punkt: Das Problem an Narzissten ist, dass sie es nicht für ein Problem halten. Damit fällt eine Hoffnung weg, die viele Frauen jahrelang tragen. Es gibt kein Gespräch, das ihm die Augen öffnet, weil seine Augen offen sind. Er sieht dasselbe wie du und bewertet es anders.
Bleibt die Frage nach Veränderung. Im Durchschnitt sinkt Narzissmus über die Lebensspanne. Was ihn nicht senkt, sind Lebensereignisse: Hochzeit, Kind, Trennung, Ruhestand. Ein Kind, das rund um die Uhr versorgt werden will, macht Menschen nicht weniger narzisstisch, und die Forschungslage dazu ist ernüchternd.
Was tatsächlich wirkt, klingt unspektakulär. Roberts und Nichols beschreiben drei Bewegungen: bessere Emotionsregulation, mehr Verträglichkeit, mehr Gewissenhaftigkeit. Wer zuverlässiger und freundlicher wird, nimmt irgendwann weniger Raum ein. Das passiert über Jahre, nicht über einen Schlüsselmoment.
Ähnlich sieht es bei Bindung aus. Narzisstische Muster hängen mit vermeidender Bindung zusammen, und Bill vermutet, dass eine Arbeit an Bindungsunsicherheit auch Narzissmus mildert. Getestet hat das bisher niemand, weil die Menschen, die es am dringendsten nötig haben, sich nicht darauf einlassen.
Ein Narzisst, den ich für meinen Podcast interviewt habe, hat es selbst so formuliert: Wenn du wetten willst, wette darauf, dass es nicht besser wird. Sein Interview, in dem er offen über seine Manipulationsstrategien spricht, ist an dieser Stelle harte, aber nützliche Lektüre.
Es gibt ein einziges Kriterium, das dich zuverlässiger schützt als jede Rote-Flaggen-Liste.
Ich habe Bill gefragt, was er einer Tochter oder jüngeren Schwester mit auf den Dating-Weg gibt. Seine Antwort: Hör auf, nach der perfekten Person zu suchen. Die Forschung zu Wunschkriterien beim Partner ist erstaunlich schwach, weil wir selbst kaum wissen, was uns guttut. Genau diese Suche nach dem Perfekten ist die Tür, durch die Narzissten hereinkommen.
Sein Kriterium heißt Responsivität. Fühlst du dich gehört? Reagiert die Person auf das, was du brauchst? Ist sie da, wenn du sie wirklich brauchst?
Das funktioniert deshalb so gut, weil Responsivität genau das verlangt, was ein rivalitätsstarker Mensch nicht liefert. Er muss sein Ego zurückstellen und dich als Partnerin sehen statt als Konkurrenz. Über ein Wochenende gelingt das. Für sechs Monate am Stück nicht.
Ich arbeite dafür gern mit dem Bild der Probezeit. Bei einem neuen Job hast du sechs Monate, in denen beide Seiten prüfen. In dieser Zeit kaufst du keinen Sportwagen und ziehst nicht in eine andere Stadt. So läuft es auch beim Kennenlernen: Herz an, Kopf im Spiel.
Noch etwas gehört dazu. Nicht nur Narzissmus ist gestiegen, sondern auch der Anteil an Menschen, die permanent gefallen wollen. Je leichter deine Grenzen zu überschreiten sind, desto besser funktioniert das narzisstische Muster. Grenzen zu setzen macht dich nicht härter, es macht dich schwerer bespielbar.
Bills Schlusssatz im Podcast ging in dieselbe Richtung. Ein großer Teil der Zufriedenheit in Beziehungen entsteht in dir, nicht durch deinen Partner. Ich sehe das ständig: Klientinnen, deren Partner nicht einmal wusste, dass sie an sich arbeiten, und nach vier bis fünf Wochen verschiebt sich die Beziehung trotzdem. Wenn dein Selbstwert stabil steht, verlieren diese Muster ihren Griff, und wie du wieder selbstbewusst in der Liebe wirst, habe ich hier ausführlich beschrieben.
Wissen Narzissten, dass sie Narzissten sind?
Ja. Die Forschung von Erika Carlson zeigt, dass sie ihre Wirkung auf andere ziemlich genau einschätzen. Sie wissen, dass sie zuerst charmant wirken und später anecken. Nur halten sie es nicht für ihr Problem, sondern für das der anderen.
Kann ein Narzisst sich ändern?
Im Durchschnitt sinken narzisstische Züge über die Lebensspanne leicht. Auslöser sind aber nicht Hochzeit, Kind oder Trennung, sondern langsame Entwicklungen: bessere Emotionsregulation, mehr Verträglichkeit, mehr Gewissenhaftigkeit. Bei manchen Menschen bleibt das Muster über Jahrzehnte stabil. Plane dein Leben nicht auf seiner Veränderung.
Sind Deutsche wirklich narzisstischer als Amerikaner?
In dieser Studie ja. Deutschland liegt im Gesamtwert auf Platz 1, die USA auf Platz 16. Gemessen wurden narzisstische Züge in der Normalbevölkerung und keine Diagnosen, und die Unterschiede innerhalb eines Landes fallen größer aus als die zwischen Ländern.
Was ist der Unterschied zwischen Bewunderung und Rivalität?
Bewunderung ist der Antrieb, bewundert und beachtet zu werden. Rivalität ist der Antrieb, andere abzuwerten und zu übertrumpfen. Bewunderung macht am Anfang attraktiv, Rivalität richtet den Schaden an. Deutschland führt die Rangliste ausgerechnet bei der Rivalität an.
Ist ein bisschen Narzissmus normal?
Ja. Fast alle Menschen mögen Anerkennung, und die meisten mögen ein wenig Wettbewerb. Entscheidend ist, ob das Verhalten anfängt, Arbeit, Freundschaften oder die Beziehung zu beschädigen.
Deutschland steht in der bislang größten internationalen Narzissmus-Studie auf Platz 1, und zwar ausgerechnet bei der Rivalität, also dem zerstörerischen Teil. Narzissten erkennen heißt deshalb nicht, auf große Egos zu achten, sondern darauf, wer sich am Scheitern anderer erfreut. Der Anfang wird immer gut aussehen, weil Bewunderung in kurzen Begegnungen brilliert.
Narzissten wissen, wer sie sind, und sie ändern sich selten von allein. Was du beeinflusst, ist dein Maßstab: Fühlst du dich bei diesem Menschen gehört, oder arbeitest du dich daran ab, ihn zu überzeugen?
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass dich Narzissmus in Beziehungen betrifft: Wir schauen uns das gemeinsam an. Buch dir hier ein kostenloses Erstgespräch: Jetzt Termin buchen.
Du kannst dabei nur gewinnen. Im schlimmsten Fall bist du danach klarer darüber, was dich wirklich festhält. Im besten Fall weißt du, welcher nächste Schritt dich rausbringt.
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Anja Rausche ist seit 2023 bei Dr. Hermes dabei. Sie hat die Ausbildung zum Beziehungs- und Transformationscoach absolviert und seither über 200 Klienten betreut. Ihre tiefe Empathie schöpft sie aus persönlichen Lebenserfahrungen, die sie selbst durch sehr schwierige Phasen geführt haben.
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Anja hat aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung im Einzel- und Gruppencoaching bereits eigene Coaching Techniken selbst entwickelt.
Frederik und Jens kennen sich seit 1996. Die beiden verbindet eine tiefe Freundschaft und viel Vertrauen.
Frederik ist seit 2023 im Dr. Hermes Team und leitet das Coaching. Seine Fachgebiete sind Glaubenssätze, Kommunikation und Selbstliebe.
2006 begann seine Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie.
Seit 2013 ist Frederik als Trainer der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) aktiv. Er hat sich im systemischen Arbeiten nach Virginia Satir, motivierender Gesprächsführung und auch interkultureller Kommunikation weitergebildet.
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