Eine meiner Klientinnen hatte die Trennung schon dreimal angesagt. Jedes Mal war sie überzeugt, dieses Mal wirklich. Dann kam eine Nachricht, ein Abend, der sich anfühlte wie früher, und der ganze Vorsatz war weg.
Das klingt nach mangelnder Konsequenz. Es ist es nicht.
Was hier passiert, hat einen Namen: Trauma Bonding. In toxischen Beziehungen wechseln sich Verletzung und Zuwendung in einem festen Rhythmus ab. Streit, Rückzug, Liebesbeweis, Versöhnung.
Jedes Mal, wenn nach dem Schmerz die Zuwendung kommt, schüttet das Gehirn Dopamin aus, denselben Botenstoff wie bei Sucht. Dein Nervensystem lernt: Die Anspannung ist schmerzhaft, aber die Auflösung danach ist intensiv.
Das ist keine Metapher. Das ist Biochemie.
Dieser Kreislauf sorgt dafür, dass du in der Beziehung nicht nur den Partner verbindest, sondern das Gefühl der Erleichterung. Den Moment, in dem der Stress nachlässt. Das Gefühl von „wir sind wieder okay.“ Und genau das sucht dein Gehirn immer wieder.
Das erklärt, warum der Kopf sagt „Geh!“ und der Körper bleibt. Es ist kein Willensproblem. Das Muster hat sich über Monate oder Jahre eingebrannt und braucht mehr als den Entschluss, es zu beenden.
„Mein Selbstwertgefühl ist gerade am Tiefpunkt.“ Dieser Satz kommt aus unseren Klienten-Umfragen. Er kommt so oft vor, dass er wie eine Standardbeschreibung klingt.
Toxische Beziehungen greifen den Selbstwert nicht mit einem großen Schlag an. Sie machen es schleichend. Erst sind es kleine Kommentare: „Du bist zu empfindlich“, „Das hast du falsch verstanden.“
Irgendwann glaubst du, du interpretierst tatsächlich alles falsch. Du entschuldigst dich für Dinge, die keine Entschuldigung brauchen.
Aus „er macht mich manchmal fertig“ wird „ich bringe ihn dazu, mich fertig zu machen.“ Statt „er geht nicht auf mich ein“ denkst du plötzlich „ich stelle zu hohe Anforderungen.“ Diese Verschiebung passiert nicht auf einmal. Sie passiert in Monaten kleiner Korrekturen an dem, was du für normal hältst.
Irgendwann fragst du dich nicht mehr, was mit ihm nicht stimmt. Du fragst dich, was mit dir nicht stimmt.
Genau das ist der Mechanismus. Je niedriger dein Selbstwert, desto kleiner deine Vorstellung davon, was du dir verdienst. Und desto schwerer wird es, eine Beziehung zu verlassen, die dir diese Frage ständig neu stellt.
Grenzen setzen klingt nach der Lösung, wenn du dir die Frage stellst, wie du aus einer toxischen Beziehung rauskommst. Fast jede Person, die zu mir kommt, hat es versucht. Klar gesagt, was sie braucht. Und zwei Wochen später war alles wieder beim Alten.
Das liegt nicht daran, dass Grenzen falsch sind. Es liegt daran, dass sie eine Voraussetzung haben, über die kaum jemand spricht.
Grenzen halten nur, wenn du innerlich sicher bist. Nicht in dem Sinne, dass du keine Angst hast, sondern in dem Sinne: Du weißt, dass du auch ohne diese Beziehung noch da bist und durchkommst.
Diese Überzeugung ist keine Selbstverständlichkeit. In einer langen toxischen Beziehung ist genau das ausgehöhlt worden. Du hast das Vertrauen verloren, dass du ohne ihn noch funktionierst. Das fühlt sich wie Wahrheit an, ist es aber nicht.
Wer dieses Fundament nicht hat, setzt Grenzen nach außen und zieht sie innerlich sofort wieder ein. Weil die Angst vor dem Verlust größer ist als der Schmerz, sich selbst zu verlieren. Grenzen ohne innere Basis sind deshalb keine Lösung, sondern ein weiterer Grund, sich zu bestrafen, wenn sie nicht halten.
Du musst dich nicht morgen trennen. Das sage ich nicht, um dich zu beruhigen. Ich sage es, weil ein erzwungener Abbruch ohne innere Stabilität meist nicht hält, und du dann wieder bei null anfängst.
Was hilft, ist zunächst: den eigenen Boden unter den Füßen wiederzufinden.
Fang damit an, aufzuschreiben, wann du dich in dieser Beziehung gut fühlst und wann nicht. Ohne Bewertung, einfach als Protokoll. Nach einer Woche hast du schwarz auf weiß, was dieses Muster mit dir macht.
Reaktiviere Kontakte, die du in der Beziehung verloren hast. Isolierung ist ein Merkmal toxischer Beziehungen, kein Zufall. Du brauchst Menschen außerhalb dieser Dynamik, die dich kennen und dir sagen, was sie sehen.
Hör auf, Gespräche zu suchen, in denen du ihn von etwas überzeugen willst. Nicht weil du aufgibst. Sondern weil jedes Gespräch, das nirgendwo hinführt, dir Energie kostet, die du für dich brauchst.
Das sind keine finalen Schritte. Aber von hier aus wird der nächste sichtbar.
Lass mich direkt sein: Noch ein erklärendes Gespräch führen hilft nicht. Auf Veränderung warten hilft nicht. Den Partner durch mehr Verständnis und weniger Forderungen überzeugen hilft nicht.
Was hilft, ist zu verstehen, warum du in diese Beziehung gegangen bist und was dich darin gehalten hat. Nicht um dich zu bestrafen. Sondern weil du ohne dieses Verständnis die nächste Beziehung mit denselben Mustern beginnst.
Viele der Frauen, die zu mir kommen, hatten jahrelang funktioniert, die Fassade gehalten, nach außen alles im Griff. Der erste echte Wendepunkt war für fast alle derselbe: sich eingestehen, dass sie nicht alleine rauskommt. Nicht weil sie schwach sind. Weil das Muster zu früh entstanden und zu tief verwurzelt ist, um es durch Vorsätze zu lösen.
Du brauchst jemanden, der dir von außen zeigt, was du von innen nicht siehst. Das ist keine Schwäche. Es ist der Unterschied zwischen einem weiteren Versuch und einem echten Schritt nach vorn.
Wie erkenne ich, ob ich in einer toxischen Beziehung bin?
Du fühlst dich nach Zeit mit ihm häufig schlechter als vorher. Du rechtfertigst dich ständig, auch wenn du nichts falsch gemacht hast. Dein Selbstwert ist in dieser Beziehung gesunken, und du fragst dich immer häufiger, was mit dir nicht stimmt.
Warum kann ich eine toxische Beziehung nicht einfach verlassen?
Trauma Bonding sorgt dafür, dass dein Nervensystem die Momente der Zuwendung intensiver abspeichert als die Verletzungen. Dazu kommt Verlustangst und oft das Gefühl, ohne ihn nicht sicher zu sein. Das ist kein Willensversagen, das ist ein neuronaler Kreislauf.
Was ist der erste Schritt raus aus einer toxischen Beziehung?
Nicht die sofortige Trennung, sondern Klarheit. Schreib auf, wann du dich in dieser Beziehung gut fühlst und wann nicht. Reaktiviere außenstehende Kontakte und hör auf, ihn überzeugen zu wollen.
Brauche ich Hilfe, um aus einer toxischen Beziehung rauszukommen?
Die meisten, die ich kenne, haben es zuerst alleine versucht. Die wenigsten haben es alleine geschafft. Nicht weil sie nicht wollten, sondern weil die Muster hinter toxischen Beziehungen tiefer sitzen als jeder Vorsatz.
Wie lange dauert es, eine toxische Beziehung zu überwinden?
Das hängt davon ab, ob du nur die Beziehung beendest oder auch das Muster dahinter angehst. Wer nur geht, trägt das Muster in die nächste Beziehung. Wer das Warum versteht, kommt schneller und stabiler heraus.
Aus einer toxischen Beziehung rauszukommen beginnt nicht mit der Trennung. Es beginnt damit, zu verstehen, warum du trotz allem noch da bist.
Dein Selbstwert, deine Muster, die frühen Erfahrungen, die dich gelehrt haben, was Liebe kosten darf: Das sind die eigentlichen Themen. Wenn du sie angehst, änderst du nicht nur diese Beziehung. Du änderst, wen du das nächste Mal wählst.
Wenn du dich in dem erkennst, was du hier gelesen hast, ist das kein Zufall. Es ist ein Hinweis, dass du weißt, was in dir vorgeht.
Wenn du tiefer verstehen willst, wie Muster in toxischen und narzisstischen Beziehungen entstehen, wie du sie bei dir erkennst und was dich wirklich raus aus diesem Kreislauf bringt: Dazu halten wir regelmäßig ein Webinar. Meld dich hier an: Zum Webinar
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Anja Rausche ist seit 2023 bei Dr. Hermes dabei. Sie hat die Ausbildung zum Beziehungs- und Transformationscoach absolviert und seither über 200 Klienten betreut. Ihre tiefe Empathie schöpft sie aus persönlichen Lebenserfahrungen, die sie selbst durch sehr schwierige Phasen geführt haben.
Gleichzeitig bringt Anja jahrzehntelange Erfahrung auf Weltklasseniveau im Tanzsport mit: Sie war Weltranglistengewinnerin, Finalistin bei Welt- und Europameisterschaften, betreut heute den Nationalkader und gehört zu den Top 5 international am höchsten lizensierten Trainerinnen und Ausbilderinnen.
Diese einzigartige Kombination aus persönlicher Transformation vom tiefsten Tiefpunkt, den jemand haben kann, Coaching-Expertise und internationaler Spitzenkarriere macht sie zu einer Coachin, die Menschen gleichermaßen mitfühlend und professionell begleitet.
Anja hat die Transformation der Klienten im Überblick und leitet das Support Team an. In der Community weiss jeder, dass der Support und die Unterstützung durch Anja der Schlüssel für sehr viele Transformationen ist und war.
Sie ist damit unverzichtbar für die Klienten und auch für unsere gesamte Firma.
Im Coaching liegt ihr Fokus auf den Themen: Emotionale Stabilisierung, Selbstwert aufbauen, innere Sicherheit und Transformation im Unterbewusstsein.
Anja hat aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung im Einzel- und Gruppencoaching bereits eigene Coaching Techniken selbst entwickelt.
Frederik und Jens kennen sich seit 1996. Die beiden verbindet eine tiefe Freundschaft und viel Vertrauen.
Frederik ist seit 2023 im Dr. Hermes Team und leitet das Coaching. Seine Fachgebiete sind Glaubenssätze, Kommunikation und Selbstliebe.
2006 begann seine Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie.
Seit 2013 ist Frederik als Trainer der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) aktiv. Er hat sich im systemischen Arbeiten nach Virginia Satir, motivierender Gesprächsführung und auch interkultureller Kommunikation weitergebildet.
Bei uns in der Community wird Frederik für seine direkten Worte “Ehrlichkeit mit Herz” geschätzt, sowie auch seine guten Fragen und seinen Humor.
Jens nennt ihn den Glaubenssatz-Detektiv.
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Zuletzt aktualisiert am 25. März 2026 von Jens Hermes